PERSÖNLICHKEIT: wenn Pfauen ihr Rad schlagen. Oder, wie stoppt man Endlosquassler?

Faszinierender Pfau

Ich nicke, zwischendurch lächle ich, zur Abwechslung ein kleines «Aha, na sowas?» oder «Oh je, na dann!»

Öffnet sich eine Lücke im Redefluss säusle ich eine unbedeutende Bemerkung – mit dem dummen Nebeneffekt, dass ich damit den Gesprächigen nur noch weiter antreibe.

Ihren Redeschwall auf jemand anderen zu lenken, ist – haben sie einmal ihr Opfer im Visier – von wenig Erfolg gekrönt.

Was aber, wenn die narzisstischen Züge so weit gehen, nicht nur 1 Beutetier zu erlegen, sondern gleich den ganzen Tisch? Wenn er gekonnt künstliche Redepausen setzt, womit er die Aufmerksamkeit möglicher Abtrünniger erneut einfordert?

Wie lenkt man sie ab? Oder noch besser, wie stoppt man diesen unsozialen Monolog?

Die höfliche, respektvolle Lösung gibt es nicht!

Nehmen wir den Trick; Telefonanruf vortäuschen und den Tisch verlassen. Dumm nur, das bringt ihn keineswegs aus dem Konzept. Kehrt man zurück, setzt der Pfau genau dort an, wo er geendet hat.

Unterbricht man das Gespräch und wendet sich an Meier oder Müller nebenan, werden sie lauter, fallen ins Wort und fordern umbarmherzig die verlorene Aufmerksamkeit zurück. Oder sind beleidigt über soviel Unhöflichkeit!

Also was gibts noch für Rettungsaktionen? Dauernd auf die Toilette gehen? Gar das Strickzeug hervornehmen? (wenn du schon ungefragt bei mir hockst, so komm ich wenigstens mit dem Pulli weiter). Das geht gar nicht, dann fehlt ihnen der Blickkontakt. Will man in der Not anfangen zu kochen, läuft man Gefahr, dass sie zum Essen bleiben.

Dann, wenn sie einem endlich verlassen, fühlt man sich so leblos wie man es offenbar auch ist. Kommunikative Selbstdarsteller fragen nicht nach dem Leben des Opfers. Auf solch höfliche Lappalien geben sie nichts.

“aufeinander eingehen”. “einen schönen Austausch pflegen”

Was für leere Worthülsen!

Ein bisschen kann ich es verstehen, das Reden ohne Ende. In einer Gesellschaft von zunehmendem gegenseitigen Desinteresse, wo jeder genug mit sich selbst zu tun hat, ist es schön, wenn man mal die Aufmerksamkeit kriegt, die man verdient.

Doch darum geht es hier nicht.

Andere zudröhnen ohne jegliches Gespür ist einfach nur eine narzisstische Marotte. Andere zur Aufmerksamkeit nötigen und es dabei selbst verpassen, aufmerksam zu sein. Sie merken weder, wie sie ihren Opfern Energie und Zeit klauen, noch ob es jemanden interessiert. Nur um dann wunderbar gestärkt nach Hause zu gehen. Das war ja ein ganz netter Abend, tolle Freunde getroffen. Bahö!

Man kann ihnen überall begegnen. Das ist keine Frage des Ortes, Anlasses oder Bildungsstands. Fast immer ist ein Endlosquassler dabei. Jene die kaum Luft holen. Geschweige denn, anderen die Gelegenheit geben, den Faden aufzunehmen. Soziale Kompetenz eben. In der Schule wird sowas heutzutage benotet!

Am besten löst man das Problem auf Aperos. Oder Grillpartys. Man steht rum, wandert mit dem Glas in der Hand weiter. Da kann man vortäuschen, jetzt grad jemanden begrüssen zu wollen.

Am allerschlimmsten sind Einladungen, Geburtstagsfeste, Firmenabende. Wo man keine grosse Auswahl in der Platzierung hat. Wo man verdonnert ist, Suppe, Salat, Hauptericht, Dessert und den Kaffee mit Monobeschallung zu überstehen.

Bei diesen Gelegenheiten gucke ich auf Bilder und Decorgegenstände, studiere Holztäfelung und Zimmerpflanzen. Fixier Vorbeigehende oder überleg mir für den Täter eine Bachblütenmischung.

Gut haben es die Raucher, oder man hat einen Hund!

Wenn ich dann wie hypnotisiert an meinen Nägeln beisse, ist es bereits zu spät! Alarmstofe rot!

Irgendwann kommt die Chance den Platz zu wechseln, sofort, los! Sofern der Akku noch nicht leer ist. Wobei auch das geplant sei, sonst irrt man zwischen den Tischen oder rennt zugelabbert in die Wand.

Dumm nur, häufig hat man sich den Mist auch noch selbst eingebrockt. Mit der anfänglichen Frage, «wie geht es so?» oder «was machst du denn beruflich?», oder so ähnlich. Richtig handfeste Pfauen brauchen das zwar meist nicht. Die reden auch ungefragt.

Die idealen Opfer

Die idealen Opfer sind die Höflichen. Kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass man das, was man aussendet, anzieht. Reflexion oder sowas.

Ich geh da ja nicht hin und denk mir, heute begegnet mir bestimmt wieder jemand, der mir die Ohren ausfranselt! Ich freu mich auf schöne, erbauliche Gespräche!

Also die Höflichkeit. Fazit, sie ist nicht immer einzuhalten. Letzthin hab ich mal ein solches Redeexemplar mit der Bemerkung «bei mir kostet die Minute 50 Rappen» komplett aus dem Rythmus gebracht.

Ablenkung. Vielleicht funktioniert Ablenkung?

Denn Selbstdarsteller merken den ganzen Abend nicht, dass fast ausschliesslich nur sie sprechen. Sie merken auch nicht, dass rundherum gegähnt, an den Haaren gedreht oder monoton in der Kaffeetasse gerührt wird.

Männlich oder weiblich? Oh, es gibt sie von beider Sorte. Wobei ich schon dazu tendiere, dass die Konstellation männlicher Pfau und weibliches Opfer überwiegt. Wobei jetzt wahrscheinlich die männlichen Leser hier sagen oh, weisst du, wieviele Frauen ich kenne die ohne Punkt und Komma quasseln?

Vielleicht ist es ja grade diese gegengeschlechtliche Kombination, die es attraktiv macht. Wie auch immer, eine wirklich gute Lösung habe ich weder für die eine noch für die andere Konstellation.

Ganz Ihrer Meinung Herr Iacocca!

„Zu viele Menschen machen sich nicht klar, dass wirkliche Kommunikation eine wechselseitige Sache ist.“

(Lee Iacocca – Manager, *1924)

4 Kommentare fuer “PERSÖNLICHKEIT: wenn Pfauen ihr Rad schlagen. Oder, wie stoppt man Endlosquassler?

  1. Oh doch, die perfekte Lösung gibt es schon. Einfach einen fahren lassen. Klappt wunderbar. Das führt immer zu einem Themawechsel. Man muss ja schließlich auch zu Wort kommen. Wenn es raus muss, muss es raus. Ist doch klar!

    Übrigens ein wundervoller Blog. Danke für die hilfreichen Infos zu den Heilpflanzen! Vor allem zu den Psychischen Aspekten der Pflanzen, das ist etwas was mich sehr interessiert.

  2. und was machst du mit Klienten, die einfach darauf los quasseln und ausschweifend alles Mögliche und Unmögliche erzählen?
    Nach dem 3 Mal Unterbrechen wird es mir ehrlich gesagt peinlich oder zu viel.
    Ich werde sogar ärgerlich auf sie, denn das bringt doch gar nichts …

  3. Ich frage mich, ob man nicht einfach sagen kann: Ich höre mir das jetzt nicht noch länger an! Oder: Merkst du denn nicht, dass nur du redest? Oder. Das ist mir jetzt zu blöd! Oder einfach: Stopp!
    Mein kleiner Sohn pflegte früher zu sagen, wenn mal eine Moralpredigt von mir kam: Mama, ich höre dir gar nicht mehr zu! (optisch noch Ohren zuhaltend)