MEDIZIN: nur ein paar Gedanken

Doctor consoling senior patient practiceIch bin immer wieder baff, wenn Leute erzählen, was für eine Mixtur an Medikamenten sie schlucken und trotzdem im Strassenverkehr rumkurven als wär nix. Da können wir rezeptpflichtige Medikamente gleich abschaffen. Aus diesem Grund sind sie es ja, damit man vom Arzt gründlich aufgeklärt wird. Soviel zur Einhaltung der ärztlichen Sorgfaltspflicht 

Oder Solches; Ein nervlich überlasteter Mann bricht am Arbeitsplatz zusammen und wird zum Notfallarzt gebracht. Er bekommt ein starkes Psychopharmaka. Eine Nachkontrolle hat er nicht, er soll sich bei Gelegenheit beim Hausarzt melden. 3 Wochen später kommt er in meine Praxis. Er möchte Alternativen. Er hatte keine Ahnung, dass dieses Medikament bereits nach kurzer Zeit abhängig macht. Darauf wurde er nicht hingewiesen.

Muss nun der Mann nach dem Arztbesuch googeln gehen? Oder wollen wir ihm einen Vorwurf machen, weil er den Beipackzetteln nicht gelesen hat? Primär ist das ist Sache des Arztes. Darum sitzt man vor ihm/ihr auf dem Stuhl!

Als ich damals in meiner medizinschen Ausbildung lernte, wurde diese Aufklärung auch von meinen Vorgesetzten noch so gehandhabt. Das ist 25 – 30 Jahre her. Diese Praxis hat sichmaus meiner Sicht definitiv verschlechtert.

Das betrifft vorallem die Lanzzeitmedikamente: Schlafmittel, Schmerzmittel, Blutdruckmittel, Beta-Blocker oder Psychopharmaka. Damit wird umgegangen wie mit Bonbons. Sie werden regelmässig in der Praxis abgeholt. Das erstmalige Rezept wird zum Dauerrezept.

Die Spitze des Eisberges sind die Cholesterinsenker (Statinen). Nach Angaben der Hersteller sollen all paar Monate, vorallem zu Beginn der Einnahme, die Leberwerte kontrolliert werden. Steigen diese Werte, muss das Medikament abgesetzt werden.

hier nachzulesen im violetten Bereich der Tabelle.

Viele, besonders Leute ab 60 J. schlucken Cholesterinsenker. Die häufigste Nebenwirkung ist Muskelschmerzen. Aus diesem Grund kommen sie dann in meine Praxis. Mit der Angst vor Schlaganfall im Rücken, hüten sich die meisten, sie abzusetzen. Übrigens steht meiner Meinung nach die Vielzahl von Nebenwirkungen, in keinem Verhältnis zur doch sehr umstrittenen Wirkung der Cholesterinsenker.

Wenn ich die Leute nach diesen Kontrollen frage, sagen alle: «Hä?». Sie habe keine Ahnung davon.

So beobachte ich es jedenfalls von meiner Seite. Es gehört zu meinen Aufgaben nach solchen Mitteln zu fragen. Ich bin immer wieder erstaunt, wiewenig die Leute wissen, was sie da täglich schlucken. Viele glauben und vertrauen, dass es der Arzt schon gesagt hätte, wenn da gewisse Gefahren bestehen. Was man eigentlich auch sollte können, wenn die Welt noch in Ordnung wäre.

Aufklärung ist das eine – ohne dass der Patient nachfragen muss – sorgfältige Kontrollen das andere.

Dasselbe mit der Information über geplante medizinische Schritte; Neulich kommt eine Krebspatientin in meine Praxis. Ihr Anliegen betrifft nicht ihre primäre Erkrankung, den Krebs, sondern die starken Muskelschmerzen, von Metastasen an der Wirbelsäule ausgelöst. Sie erzählt mir von ihrer Chemotherapie und erwähnt dabei, dass sie aktuell ein neues Mittel erhalte. Man habe ihr gesagt, dieses neue Chemotherapeutikum sei im ersten Monat kostenlos.

Mir franseln die Ohren aus! Wir das Mittel noch erprobt, ist es noch gar nicht regulär zugelassen? Nimmt die Frau unwissentlich an einer Studie teil?

Ich kann jedem nur empfehlen; Fragen Sie den Ärzten Löcher in den Bauch! Fragen Sie, bis Sie alle, aber wirklich alle Punkte dafür und dagegen wissen.

Weshalb ist dieses Mittel angebracht? Weshalb empfehlen Sie es mir?

Welche Wirkung kann ich erwarten?

Welche Nebenwirkungen sind wahrscheinlich?

Besteht die Möglichkeit, noch abzuwarten?

Was für ein Risiko/Nachteil gehe ich ein, wenn ich auf dieses Medikament verzichte?

Was gibt es für Alternativen? Was kann ich selbst zu einer Verbesserung beitragen? (Ernährung, Bewegung, Therapien u.a.m)

Fragen, die kompetent und sachlich beantwortet werden müssen. Dafür muss die Zeit reichen. Im Sprechzimmer, von Arzt zu Patient. Erst wenn man alle Punkte kennt, trifft man gute Entscheidungen.

3 Kommentare fuer “MEDIZIN: nur ein paar Gedanken

  1. Total gut, deine Berichte. Obwohl das Thema sehr ernst ist, musste ich bei deiner Aussage: mir fransen die Ohren aus! laut lachen. Die Ernsthaftigkeit mit Humor zu paaren ergibt meistens gute Resultate. Weiter so….
    Liebe Grüsse
    Beatrix

  2. Ich kann mich dem Kommentar von Beatrix Jud nur anschliessen: echt toll deine Berichte!

    Der Patient vertraut leider immer noch viel zu stark darauf, dass der Arzt schon weiss, was ihm gut tut!

  3. Vielen Dank ihr beiden! Das Thema ist brisant, Anschuldigungen sind nicht der richtige Weg. Und, es gibt auch einzelne Ärzte, die verantwortungsvoll handeln.Trotzdem: Aufklären, aufklären, aufklären …

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