DIES UND DAS: das Wort “Entschuldigung” und wie es als Platzhalter verkommt..

«Tschuldigung, ist der Platz hier noch frei?», fragt man im Zug oder Bus.

Ausser man stört die Person grade bei einem Gespräch, oder wenn sie eingenickt ist, gibt es ja keinen Grund zur Entschuldigung.  Aber sonst könnten wir auch sagen: «Grüezi, ist dieser Platz noch frei?»

Ok, das war jetzt nur eine umgangssprachliche Beobachtung ;-). Ein bisschen pingelig, das weiss ich. Aber ich möcht ja auch auf etwas anderes hinaus.

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, für was und wo die Entschuldigung überall verwendet wird? Finden Sie das nicht auch manchmal übertrieben?

Es ist allgegenwärtig: «au sorry», «oh entschuldigung Sie!», bei allen möglichen Situationen entschuldigt man sich.

Wenn ich dran denke, dass das eigentlich immer etwas mit Schuld zu tun hat, müssten wir unsere Kommunikation schon ein bisschen überdenken.

Neulich stand ich wieder mal in einer Menschenmenge, da und dort streift man Ärmel, Schultern, berührt ungewollt den Nächsten, was ja auch kaum zu vermeiden ist, und dauernd murmelt jemand «…orry» oder «…digung», der Rest geht eh im allgemeinen Lärm unter. Vielleicht sehen Sie noch die Münder zu einem «O» formen oder das «Tsch …» weht zu ihnen rüber.

Warum das? Mir reicht ein Lächeln, wenn überhaupt. Schliesslich hat mir ja niemand eins über die Rübe oder ins Schienbein gehauen.

Da steh ich an der Kasse, die Frau vor mir hat die Münzen nicht gleich parat, und … sie entschuldig sich! Für was? Dann stoss ich mein Wägelchen weiter, steig in den Lift, kommt noch jemand rein, stupst an mein Wägelchen … .

Ok. auch ich bin zur Höflichkeit erzogen worden und entschuldige mich, wenn ich irgendwo reinplatze, irgendwas verpatze oder mich daneben benehme. Aber für solche alltäglichen Momente müsste man mal einen sprachlichen Ersatz haben.

Noch schlimmer, die Steigerungsvariante: «Sorry, aber auch ich muss mal schlafen!»

Oder, wie mir eine Frau vor ein paar Tagen sagte: «Weisst du, auch ich geniess mal einen Abend ohne Familie, so ganz alleine für mich, wo ich mich im Schlabberanzug auf das Sofa pflanze! Tschuldigung, aber das geb ich ehrlich zu!»

«Ja genau! Möglichst viele Abende!», sag ich dazu.

«Sorry, aber ich mag  jetzt nichts essen.» «Sorry, aber da hab ich jetzt keine Lust dazu.» «Sorry, aber auch ich brauche mal eine freien Abend, einen Sonntag ohne Verabredungen, ein Mittagessen ohne Telefonanruf, ein halbe Stunde um die Zeitung zu lesen, einen Abend mit Freunden.»

Wieso sollte man sich für sowas entschuldigen? Das sind natürliche, menschliche Bedürfnisse. Ich meine, dass man das weder entschuldigen noch rechtfertigen muss.

Da geht mir gleich meine Arbeit durch den Kopf und ich denke, wie oft das in der Therapie ein Thema ist: eigene Bedürfnisse wahrnehmen. Und dann? Dann rechtfertigt man sich dafür!!

Sich für völlig natürliche Eigenheiten, Wünsche und Bedürfnisse zu entschuldigen, ist eine fragwürdige Selbstliebe. Was wir sprechen, hören unsere Ohren und damit auch unser Unterbewusstsein. Kein Wunder, das dieses immer wieder trotzig reagiert, wenn es sich anscheinend so peinlich verhält!

Aber wahrscheinlich ist es ja nicht mehr als eine unüberlegte, sprachliche Unart. Das ist jetzt etwas zynisch, aber bei so manchen Gelegenheiten denke ich, jetzt entschuldigen sie sich dann bald noch dafür, dass sie überhaupt existieren.

«Es tut mir leid, Sorry und Entschuldigung», sind ehrliche Worte, die aus tiefstem Herzen gesprochen, für ganze bestimmte Gelegenheiten gedacht sind. Ich meine ja nur, sie sollten nicht zur Floskel verkommen.

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Bildquelle: www.grafikdesignbykiss.com

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