DIES UND DAS: über die Frage “Wie geht es dir?”

Vor ein paar Wochen habe ich über die Entschuldigung als Floskel, geschrieben. Ich mach gleich weiter mit meinen Beobachtungen :-)

«Wie geht es dir?»

Eine der schönsten Fragen unter Menschen überhaupt.

Sie ist uns allen vertraut. Nur fällt mir auf, das sie in manchen guten Gelegenheiten nicht gestellt wird und bei vielen Un-Gelegenheiten mit Leichtigkeit über die Lippen kommt.

So verkommt die schönste Frage aller Fragen zur höflichen Standardfloskel einer, oft zufälligen, Begegnung.

Nichts gegen Höflichkeiten, die braucht es im gesellschaftlichen Miteinander. Nur, mit dieser Frage kann man ganz schöne Patzer veranstalten! So sehr, dass ich sie in nicht passenden Momenten (für mich oder den anderen) lieber gar nicht stelle. Ebenfalls aus Höflichkeit!

«Wie geht es dir?» Wer will denn das schon so genau wissen, wenn man sich zufällig auf der Strasse oder beim Einkaufen begegnet? Typische Situationen, die überhaupt nicht ideal sind, um auf den anderen einzugehen.

Mit folgender Geschichte – Sie kennen sowas sicher – habe ich kürzlich den Zorn einer Bekannten auf mich gezogen:

Normaler Wochentag, ich arbeite, bin mitten zwischen zwei Sitzungen, nicht viel Zeit also, da ruft mich eine entfernte Bekannte an: «Hallo, wie geht es euch? Wie geht es deinem Mann? Wie geht es deinem Schwiegervater?» Ich antworte auf alle 3 Fragen mit einem knappen «gut!» und frage freundlich zurück: «Was ist dein Anliegen, was kann ich für dich tun?»

Hoppla, da war’s schon passiert, der Patzer. Meine Gegenfrage bringt die Frau leider komplett aus dem Rhythmus. Mich aber auch, denn für solche Fragen brauche ich Zeit (und Lust) und ob ich diese habe, hat sie auch keinen Deut interessiert.

Fazit: Ich (unfreundlicher Mensch), habe sie (höflicher Mensch) böse vor den Kopf gestossen! Sie rechtfertigt sich: «Ich habe nur nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollen!»

Voll schräg, genau das ist für mich mit der Tür ins Haus fallen ;-)

Von mir aus kann man diesen Lückenfüller- Anstandstalk komplett überhüpfen; weil ich so über unser familiäres Befinden keine Auskunft gebe, weil ich die Person fast gar nicht kenne, weil ich mich ausgefragt fühle und weil der eigentliche Grund des Anrufs sowas von schnell beantwortet gewesen wäre, dass ich nicht einsehe, wieso ich vorher ausführlich blabla machen muss!

Die Höflichkeitsvariante kann eben auch Verwirrung stiften.

Wer aus Anstand, Neugier oder zur (plumpen) Einleitung fragt, muss sich nicht wundern, wenn die Anwort ebenso simpel ausfällt. Mitunter irritiert oder verletzt das den anderen mehr, als wenn man nicht gefragt hätte!

Eigenartigerweise wird aber die Frage bei passender Gelegenheit viel seltener gestellt!?

Und das gibt mir weit mehr zu denken, als die obige Geschichte. Da kann man gemütlich in einer Gruppe zusammensitzen und hört die Frage kein einziges Mal gestellt. Von niemandem an niemand! «Na gibt’s den sowas?», denkt man sich und die Lust vergeht einem gehörig, immer selbst die – oder derjenige zu sein, der Interesse für das Gegenüber zeigt.

Doch genau davon würde unser Zusammensein profitieren und viele, viele Menschen würden sich weniger einsam fühlen. Ausserdem ist es schön, das Gefühl zu bekommen, erfasst zu werden.

Ein netter Anlass, eine Einladung zum Essen, an der Bar oder während einem gemütlichen Kaffeekränzchen. Dann fühlt man sich nicht vor den Kopf gestossen, hat Zeit und Ruhe um einen kleinen oder grösseren Einblick in sein Leben zu geben.

Mit ein wenig rhetorischem Geschick ist auch die Gratwanderung “entfernte Bekannte” oder “intime Busenfreundin” nicht so schwierig. Hauptsache ein Gespäch von Du zu Du !

2 Kommentare fuer “DIES UND DAS: über die Frage “Wie geht es dir?”

  1. Das ist sehr oft auch eine Verlegenheitsfrage. Man weiss nicht so genau, was man reden soll, aber es interessiert einen auch nicht wirklich, wie es dem anderen geht. Sonst würde man diese Frage nicht so stellen und dann nicht darauf eingehen. Ich kenne dies auch von einer Bekannten. Wenn ich ein Mail bekomme, beginnt dies immer mit: “wie geht es euch? uns geht es gut…” Wenn man dann mal schreibt, es ginge einem nicht so toll, sind die Leute dann geschockt und schreiben dann, man müsste halt dies und jenes und so weiter, obwohl man eigentlich keinen Rat wollte… Ich gehe deshalb gar nicht mehr auf solche Fragen ein.

    • Tja, da hast du den Punkt wiedereinmal getroffen… Ich habe mich schon oft an dieser Unsitte “wie geht’s” zum unpassenden Augenblick gestört. Mir ist es wichtig, diese Frage wirklich nur dann zu stellen, wenn ich die Antwort ehrlich hören will. Es bleibt nichts anderes als bei sich selbst anzufangen… Es gibt ja genügend Varianten des unpersönlichen Smalltalks..

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